Rezension: „Arm aber Bio!“ und „Arm aber Bio! Das Kochbuch“

Im Bücherschrank meiner Schwägerin fiel es mir vor einigen Jahren auf. Das Buch „Arm aber Bio!“ von Rosa Wolff. In einer Zeit, in der das Geld (mal wieder) knapp war bei uns. Ich war sofort angefixt vom Titel des Buches. Genau das ist häufig unser Dilemma. Hehre Ziele, aber zuwenig finanzielles Polster, um diese dann in die Tat umzusetzen. So denken wir zumindest. Denn als arm würde ich uns nun wirklich nicht bezeichnen. Vielleicht sind es auch die falschen Prioritäten? Wenn auch Euch dieses Dilemma vertraut ist, dann wird Euch das Buch nicht enttäuschen.

Arm aber Bio!

Das Thema

Rosa Wolff verliert als Journalistin ihre Stelle. Anstatt aber sich im stillen Kämmerlein zu verkriechen macht sie das Beste aus der Misere. Als Liebhaberin der guten Küche, passionierte Köchin und mit ausführlicher Erfahrung als Journalistin im Bereich Kulinarisches setzt sie sich ein großes Ziel. Sie will mit dem Hartz-4-Satz nicht nur auskommen. Sie wird sogar ausschließlich Bio-Produkte kaufen. Und als wäre diese Challenge nicht schon anspruchsvoll genug, setzt sie sich noch ein zusätzliches Ziel. Sie wird den Obst- und Gemüseanteil so hoch wie möglich halten. Also ist zusätzlich zum Bio- und Preis-Aspekt auch noch die Gesundheit im Blick zu behalten. Kein einfaches Unterfangen. Mit einem aber verständlichen Hintergrund. Denn Rosa Wolff kommt in ihren Ausführungen immer wieder auf Thilo Sarrazin zu sprechen. Der hat ja wie wir alle wissen, vorgerechnet, dass jeder mit dem Hartz-4-Satz eine vernünftige Ernährung haben kann. Allerdings ist diese von ihm vorgestellte Ernährung Fleisch- und Kohlenhydrat-lastig und führt genau zu einem Ergebnis. Dass Armut zu ungesundem Leben führt. Damit möchte Rosa Wolff sich nicht abfinden.

Arm aber Bio!

Der Aufbau

Jedes Kapitel umfasst die Erfahrungen eines Tages im Leben mit einem Monat Hartz-4-Satz. Jeder Tag wird als Kampf im Bermudadreieck „Preis, Gesundheit, Bio“ beschrieben. So werden winzige Mengen von Bio-Frühlingszwiebeln einzelnen Schreibchen guter Tomaten hinzugefügt. Die Problematik günstiger Großpackungen für Einzelhaushalte ausgebreitet. Das Bio-Angebot der herkömmlichen Supermärkte mit dem der Bioläden verglichen. Die Sorge, den eigenen Geburtstag kulinarisch zu feiern, ohne im sozialen Abseits zu landen, ausgeführt. Dabei ist Rosa Wolff immer gnadenlos ehrlich. Mit der Gesellschaft. Und auch sich selbst. So verkneift sie sich den guten Tee im eigenen Küchenregal, der noch zu Zeiten ihrer Anstellung den Weg in den Haushalt fand. Am Ende jeden Kapitels findet sich eine Aufstellung der am vergangenen Tag verspeisten Lebensmittel. Immer anteilig berechnet. Eine immense Tüftelei. Beispiel gefällig? Seite 67: „Frühstück: Tee mit Milch 0,25 €, Müsli mit Orange und Banane 0,72€ = 0,97 €.“ Selbst mit dieser strengen Aufstellung schafft es die Autorin nur knapp und oft gar nicht die Finanzen im Griff zu behalten. Aufgelockert wird der Aufbau mit einzelnen dunkelgrau hinterlegten Exkursen zu konkreten Nebenthemen. „Die besten günstigsten Lebensmittel“. „Verbände und Siegel – Die Bio-Klassengesellschaft“. Oder auch „Einladen“. im Rahmen jedes Exkurses werden so konkret wie nur möglich auch Tipps und Informationen geliefert. Wie man sich sozial nicht ausgrenzt (siehe „Einladen“) und Gäste empfangen kann, auch wenn das Budget mehr als knapp bemessen ist. Oder was konkret Demeter, Bioland und das viel beschumpfene EG-Siegel von den Erzeugern verlangen.

Arm aber Bio!

Der Schreibstil

Geradezu liebevoll und sehr humorig zeigt Rosa Wolff ihren Alltag am Rande des Finanz-Wahnsinns. Manches Mal empfand ich ihre Beschreibung der Lebensmittel so, als wären diese reale Personen. So dürfen ihre selbst gebackenen Kekse sie „begleiten“ und die Fürsorge um die Haltbarkeit von Kiwis oder Creme Fraiche war teilweise für mich geradezu rührend. Ich hege viel Sympathie für die ganz konkrete „klein-klein“-Aufstellung ihres Speiseplans. Für den Einblick in ihre Gedankenwelt, wenn sie mit Galgenhumor von Laden zu Laden fährt und sich – zu recht – fragt, wo der Aufwand noch zur Ersparnis passt. Wenn ihre Gedanken darum kreisen, ihre Würde zu behalten und nicht auf Kosten anderer zu speisen.

Arm aber Bio!

Mein Fazit

Arm aber Bio KochbuchIch habe das Buch auch ein zweites Mal nach dem Erhalt des Rezensionsexemplares geradezu verschlungen. Wenn das kleine neue Mädchen in unserem Haushalt Stunden um Stunden sehr viel Nähe brauchte und auf mir „lebte“, war die Lektüre von Zeit zu Zeit meine „Belohnung“. Ich kann jedem, der entweder knapp bei Kasse ist, sich für gesunde Ernährung interessiert oder/und nachhaltig leben möchte, dieses wunderbare Buch wirklich empfehlen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist bombastisch. Eines meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre.

Arm aber Bio!

Arm aber Bio Kochbuch

Nach dem Erfolg von „Arm aber Bio!“ veröffentlichte Rosa Wolff ein entsprechendes Kochbuch mit konkreten Rezepten. Zwar lassen sich auch aus dem Erstlingswerk prima Rezepte ableiten. Diese beschreibt sie mit Akribie und sehr anschaulich. Allerdings ist das Kochbuch etwas für diejenigen, die nicht lange im ersten Buch wühlen möchten, wo nun denn das passende Gericht auffindbar ist. Zudem sind die Gerichte hier auch abgebildet. Das gefällt mir äußerst gut. Und zwar nicht hochglanzmäßig. Sondern richtig „normal“, wie Gerichte eben aussehen, wenn man sie am heimischen Herd zubereitet. Prima! Da mich als erstes die von Frau Wolff hoch gepriesenen Fladen aus der Pfanne gereizt haben, sind wir diese angegangen. Und zwar in der „Pizza-Variante“, wie im Kochbuch vorgeschlagen – siehe Seite 25. Unsere große Tochter war hochgradig begeistert. Und wir Erwachsenen auch. Einfach lecker und schnell. Und sehr fluffig. Ungewohnt und positiv überraschend für einen Pizzaboden.

Arm aber Bio!

Die Fakten

Preis: Jeweils 11,95€

Bestellbar: Hier (das Kochbuch) und hier (Der Erfahrungsbericht)

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