"Das Gefühl,wirklich zu leben" – Interview mit dem Reisefotographen Dirk Bleyer

Bring den Urlaub in den Alltag! Heute: Diavorträge besuchen. Ich laufe ständig an diesen Werbeplakaten mit den tollen Landschaftsaufnahmen und Titeln wie „Burma – Goldenes Land“, „Provence – Eine Reise ins Licht“ oder „Neuseeland – 200 Tage am schönsten Ende der Welt“ vorbei. Und dann denke ich: „irgendwann…“ Und da ich Lust auf schöne Bilder und Geschichten aus unserer letzten Urlaubsregion habe, gehts bald zum Vortrag über das Baltikum. Ich habe dem Reisefotografen Dirk Bleyer im Vorfeld die Fragen gestellt, die mich als Familienreisebloggerin am brennendsten interessieren.

1. Seit einem Vierteljahrhundert bereisen Sie leidenschaftlich die Welt. Gab es einen Auslöser dafür?

Alles begann nach meinem Abitur, als ich zum ersten Mal meinen Rucksack packte und nach Afrika gezogen bin. Den Kontinent habe ich zwei Mal durchquert, von Kairo nach Kapstadt und zurück nach Westafrika. Die Reise dauerte zweieinhalb Jahre, ohne dass ich irgendwo zwischendurch gearbeitet hätte. Das Reisen war schon Arbeit genug. Am Ende kam ich nicht nur mit dem Afrikavirus zurück sondern auch mit dem Reisefieber. Seitdem sind das Reisen und die Fotografie die stabilsten Variablen in meinem Leben.

2. Wie bringt man Kindern am ehesten die Liebe zum Reisen näher? Welche Länder sind besonders geeignet für eine Familienreise?

Ich selber habe keine Kinder. Ich denke ich wäre wohl auch ein schlechter Vater, da ich kaum zuhause bin. Es ist ja nicht nur das Reisen, das Zeit raubt. Im Winterhalbjahr habe ich im Schnitt an die hundert Vorträge über Deutschland, Österreich und die Schweiz verteilt, auch da bin ich selten zuhause. Ich habe aber viele Kollegen, die Kinder haben und mit ihnen unterwegs sind. Außerdem treffe ich immer wieder auf reisende Familien. Es ist schon erstaunlich, wie belastbar Kinder sind. Zuhause wird mir immer bewusst wie wenig Eltern oftmals ihren Sprösslingen zutrauen. Hier wird behütet und beschützt, weil man nicht für möglich hält was Kinder alles abkönnen. Gerade in Asien reist es sich mit Kindern exzellent. Länder wie Thailand oder auch Burma (Myanmar) oder gar Indonesien, sind unheimlich kinderfreundlich, offen und hilfsbereit.

Baltikum

3. Sie sind als Reisefotograph von der Leica Camera AG mit dem Prädikat „Leicavision“ ausgezeichnet worden. Welche 3 Dinge sollte ich in Bezug auf gute Fotos beachten?

Im Prinzip gibt es drei Dinge die schnell zu einem guten Bild führen: Motiv, Licht und Bildgestaltung. Wenn alleine schon das Motiv etwas ungewöhnliches zeigt, ist es auch ohne tolles Licht oder raffinierter Gestaltung aussagekräftig. Ich denke dabei an ein Kind in Ghana, das ich fotografiert habe. Es trug freihändig einen Blecheimer auf dem Kopf aus dem ein Huhn rausschaute. Licht bedeutet, wenn die Lichtstimmung umwerfend ist. Zartes Abendlicht auf einem Tempel oder der Landschaft. Glutrote Wolken oder reflektierende Reisfelder, die unter Wasser stehen. Licht alleine kann entscheiden ob ein Motiv/Bild schön oder langweilig wird. Wenn man all das nicht hat ist die „Goldener Schnitt“ Regel maßgeblich an einem guten Bild beteiligt. Man teilt das Bild im Kopf in drei gleich große Bereiche von oben nach unten ein. So erhält man drei Drittel. Bei einer Landschaftsaufnahme vermeidet man nun ein Bild in der Mitte zu teilen, also nicht 50% Himmel und 50% Boden. Es wird weitaus spannender wenn der Himmel 2/3 und der Boden 1/3 des Bildes ausmachen oder umgekehrt, 1/3 Himmel, 2/3 Boden. Das Gleiche gilt natürlich auch von rechts nach links. Wenn Sie einen Menschen ablichten positionieren Sie ihn nicht in der Mitte, sondern im rechten, bzw. linken Drittel. Wenn der Blick in eine Richtung von ihm fällt ist es sinnvoll ihn besser in das Bild hineinblicken zu lassen als aus dem Bild hinaus. Es sind nur ein paar kleine Tipps, die man mit etwas Übung aber geschickt einsetzen kann um schnell seine Fotografie zu verbessern.

4. Die Spezialität unsere Blogs: schwasiatisch Kochen. Da Sie lange Asien bereist haben: Wie sollten wir einmal schwäbische und asiatische Küche miteinander vereinen?

Maultaschen in einem Wok angebraten und mit einer Sweet Chilli Sauce serviert.

5. Welchen Ort in Stuttgart möchten Sie einmal näher kennen lernen?

Das Lindenmuseum würde ich mir gerne mal etwas näher ansehen. Ich halte dort zwar schon seit Jahren meine Vorträge, aber letztendlich schiebe ich nur meine Ausrüstung durch die Gänge ohne Zeit zu haben mir die Exponate einmal in Ruhe anzuschauen.

Tallin-Domberg

6. Welche Frage möchten Sie gern in einem Interview gestellt bekommen und wie wäre die Antwort?

„Sie haben viele verschiedene Vortragsthemen in Ihrem Programm. Wie schaffen Sie es eine besondere Beziehung zu den einzelnen Länder aufzubauen?

Nun, dass geht nur durch die lange Zeit, die ich immer für einen solchen Vortrag vor Ort bin. Im Vordergrund steht bei mir auch nicht der Vortrag, sondern das Erleben. Mindestens reise ich aktiv in jedem von mir präsentierten Land mindestens 6 – 7 Monate. Dabei erwische ich dann natürlich besondere Momente wo das Fotolicht einfach umwerfend und einzigartig ist. Aber ich habe auch genug Zeit in die Kultur einzutauchen und Menschen kennenzulernen. So etwas ist nicht planbar und passiert nur, wenn man genügend Zeit hat sich auf neue Kontakte einzulassen und sie aufzubauen. So habe ich in Südafrika Rory, einen Elefantenflüsterer kennengelernt und in Burma war ich mit Sam lange Zeit im abgeschiedenen Hochland bei vielen Bergvölkern zu Gast. Da er alle ihre Sprachen auch beherrscht, habe ich hier Eindrücke und Erlebnisse sammeln können, die unter die Haut gingen. In solchen Momenten habe ich das Gefühl wirklich zu leben. Ein Gefühl, das mir keiner mehr nehmen kann. Übrigens bin ich mit Beiden befreundet und stehe auch weiterhin in Kontakt. Diese Freundschaften sehe ich als „wahren“ Lohn meiner Arbeit!

Ich danke Dirk Bleyer für das Interview, die Einladung zum Vortrag und die wunderschönen Baltikumaufnahmen!

Ein Kommentar zu “"Das Gefühl,wirklich zu leben" – Interview mit dem Reisefotographen Dirk Bleyer

  1. Hehe, mir geht es genau so. Ich laufe auch ständig an den Plakaten vorbei und frage mich ob ich mir diesen oder jenen Vortrag vielleicht doch einmal anschauen sollte, aber gemacht habe ich es wegen eines Plakates noch nie. Dabei war ich schon öfter auf solchen Veranstaltungen und es war immer gut.
    Nach dem Lesen des Interviews habe ich jetzt richtig Lust mir einen Vortrag anzugucken! 🙂

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