Die Elternzeit ist nicht zum Verreisen da – oder doch?

Letzten Monat erschien ein Artikel auf der Internetseite der Brigitte MOM, der sich „Die Elternzeit ist nicht zum Verreisen da“ nennt. Natürlich fühlte ich mich mit dieser Kampfschrift auch persönlich angesprochen. Denn auch wir haben die Elternzeit – zumindest den zweiten Teil nach einem Jahr – in Anspruch genommen, um in 6 Wochen um die Ostsee zu reisen. Eigentlich wollte ich mich nicht provozieren lassen durch den Satz „Die Elternzeit ist nicht zum Verreisen da“. Denn darauf – sehr effekthascherisch – war der Text ja ausgerichtet. Über die Weihnachtsfeiertage habe ich aber nachgedacht. Hier mein Senf dazu und warum ich meine, dass die Autorin den Artikel sich hätte komplett sparen müssen.

Die Elternzeit ist nicht zum Verreisen da: Die Väter sollen mal so richtig leiden!

Die Autorin unterstellt den reisenden Männern, dass diese sich unterwegs einen faulen Lenz machen und die Mütter weiterhin die Familienarbeit leisten lassen. „Und wer kümmert sich während der Reise ums Alltagsgeschäft Baby? Wer wickelt vor der Kulisse von Angkor? Wat? Na? Pardon: Deine Mudder.“ Das findet sie unfair und verlangt von den Männern in der Elternzeit, dass sie so richtig leiden sollen. Erstens ist das das totale Klischee, das ich überhaupt nicht bestätigen kann. Zweitens frage ich mich, wie gehässig man sein kann, wenn man einem anderen Menschen (und dazu noch einem sehr geliebten) Leiden wünschen kann. Geht’s noch? Und drittens: Was soll denn das mit dem „Leiden“ überhaupt? Man ist müde und gestresst, wenn ein Kind klein ist. Das mag bei vielen zutreffen. Aber leiden?

Heimarbeit ist harte Arbeit – Erwerbsarbeit ein Spaziergang!

Sie schreibt mit stolzgeschwellter Brust in „Die Elternzeit ist nicht zum Verreisen da“ davon, dass Ihr Mann sich die Vaterrolle auf „die harte Tour draufgeschafft hat“. Darunter versteht sie: Mutter geht arbeiten, Vater bleibt in der Elternzeit zuhause. Ihr Mann sei abends erschöpft auf dem Sofa eingeschlafen, da er die so viel mehr anstrengende Arbeit im Heim verrichtet habe. Entschuldigung? Ich möchte nach durchwachter Nacht als Mann mit den tiefsten Augenringen der Welt nicht arbeiten gehen müssen. Und nach einem Vollzeittag danach noch vor lauter schlechtem Gewissen ob der Abwesenheit Vollgas bei der Kinderbespaßung geben. Ich als Mutter kann nach einer schlechten Nacht träge durch den Tag trotten. Auf der Arbeit gibt es da (meist) kein Pardon. Warum die Wertung? Gemeinsam ist man stark und jeder gibt sein Bestes, oder? Ansonsten kann man das mit der Familie gleich bleiben lassen. Dann schon lieber gemeinsam auf einer Reise in der Elternzeit eine starke Verbindung schaffen.

Nur die Harten kommen in den Garten – und Kinder müssen mitziehen!

Dann folgt ein langer Sermon über ihre Ursprungsfamilie, in dem sie erneut mit unerfindlichem Stolz mitteilt: „Mich hat sie einfach mit ins Büro genommen, und obwohl ich gebrüllt habe wie am Spieß…“ Will sie einen Orden dafür? Von mir gibt es Mitleid, weil sie es als Baby anscheinend nicht gut vertragen hat. Nicht falsch verstehen: Es gibt genügend Voraussetzungen zur frühen Erwerbsarbeit der Mütter. Alles gut. Aber: Ihre schlechte Erfahrung ist doch kein Argument dafür. Da ist eine Reise in der Elternzeit doch Balsam für die Seele…

Wer ist Entscheidungsträger in Familien für eine Elternzeit-Reise?

Mir erscheint es so, als stelle die Autorin konstant die Männer an den Pranger (auch wenn sie meist die Familie anspricht). Die Männer sollen leiden, die Männer haben es zu leicht, die Männer sind schuld. Jetzt eine Frage an Euch: Von wem kommt wohl der Vorschlag in den meisten Familien zu so einer Reise? Na? Natürlich ist Familie eine Einheit, die gemeinsam entscheiden soll. Ja. Nur ich vermute ganz vorsichtig: Es sind die Frauen, die diese Idee für diesen Urlaub ins Rollen bringen. Und es sind die Männer, den Vorschlag des Unterwegs seins begeistert aufnehmen. Und ich finde das toll. Wir befinden uns nämlich nicht in einem Wettkampf, sondern gehen Hand in Hand durchs Leben – auch auf Reisen. Allein deswegen hätte sich die Autorin den Artikel komplett sparen können…

11 Kommentare zu “Die Elternzeit ist nicht zum Verreisen da – oder doch?

  1. Hallo Christina,

    von dem Artikel habe ich jetzt gerade bei Dir gelesen, und ich bin geplättet! Habe überlegt ob ich ihn lese und dachte dann:“Nö, mag nicht.“ Ich finde es komplett schleierhaft wie man solch eine Behauptung aufstellen kann. Und schleierhaft ist auch wie die Mom das bringen konnte. Aber gut, wird alles unter „freier Meinungsäußerung“ verbucht. Wir waren knapp 2 Monate in Kroatien und es hat echt Spaß gemacht! Ich schließe mich Dir in allen Punkten an, danke für den Post!

    1. Liebe Gordana, diesen Reflex hat die Überschrift in der Brigitte MOM auch zuerst in mir ausgelöst. Allein der Titel! Der soll durch die provokante Formulierung zum Klicken animieren und das sehe ich nicht ein. Als Familienreisebloggerin konnte ich mir das am Ende aber dann doch nicht verkneifen…
      Vielen Dank im Übrigen, dass Du diesen Kommentar nicht so platt wie manche andere zur Selbstverlinkung (Toller Artikel! Ich habe auch was dazu geschrieben: http://www…..) missbraucht hast. Deshalb mache ich jetzt sehr gern in meiner Antwort auf Deine Seite aufmerksam: http://www.kroatien-mit-kindern.com. Viele Grüße und allzeit eine gute Reise Dir und Deiner Familie, Christina

      1. Hallo Christina,

        wow, danke!!! Ich freue mich sehr darüber!
        Ich wünsche auch Dir und Deinen Liebsten noch viel Spaß beim Reise! Sonnige Grüße, Gordana

  2. Zum Glück lese ich keine Brigitte MOM! Deshalb kann ich eigentlich auch gar nicht mitreden. Aber ich bin Vater in Elternzeit und mir ist schon bei den wenigen Zitaten hier im Artikel der Kragen geplatzt.
    Unsere kleine Maus ist jetzt 4 Monate und wir waren zusammengenommen bis jetzt ca. 4 Wochen unterwegs. 4 super Wochen, die sicher niemand missen möchte.
    Ich sehe es genau so wie Christine, wann denn sonst? Und das Zusammenleben auf engerem Raum schweißt mehr zusammen, die Kinder entwicklen sich weiter und wir als Eltern auch.
    Muss unser Großer etwa sich zu Hause die Decke auf den Kopf fallen lassen nur weil ein Baby da ist? Blödsinn!
    Und hey, ich glaube Baby versorgen unterwegs spannt die ganze Familie viel mehr ein als zu Hause in gewohnter Umgebung. Da liegen die Windeln am Platz, man hat die Wickelkommode, man hat eine Babybadewanne… aber unterwegs hat man all das nicht, da heißt es dann Teamarbeit!

    Wie gesagt, ich habe den Artikel bei Brigitte MOM nicht gelesen und werde es auch nicht tun, aber für mich klingt das so, als würde da eine frustrierte Erstgebärende schreiben die nach der Geburt feststellen musste, dass der Erzeuger ihres Kindes leider nicht als Vater taugt. Ich kenne solche Geschichten auch aus meinem Umfeld.
    Vielleicht würde hier eine Reise als junge Familie helfen 🙂

    Nun ja, jedem das seine, aber lasst euch von solchen Beiträgen bloß nicht abschrecken!

    Guten Rutsch,
    Marc

    1. Hallo Marc, ich bin jetzt erstmal begeistert, dass Du als Mann in Elternzeit dazu hier kommentierst! Danke! Der Klick auf den Link lohnt auch nicht, sondern regt hauptsächlich auf…Mir war es vor allem wichtig, auch für Euch Männern mal eine Lanze zu brechen. Der Hinweis auf die anstrengendere Versorgung unterwegs ist hilfreich, die gewohnten Strukturen fehlen einfach auf Reisen. Vielleicht sollte ich darüber mal einen Artikel verfassen…? Hm. Gute Anregung von Dir. Viele Grüße und Dir noch ein frohes neues Jahr und weiterhin schöne Reisen mit Deiner Familie, Christina

  3. Ich hatte den Artikel schon vor ein paar Wochen gelesen und mir fällt nicht mehr dazu ein als: total albern. Wahrscheinlich wurde der nur für die Quote geschrieben. Das kann ja niemand der Familie hat ernsthaft denken. Die zwei Papa´s meiner Kinder haben sich immer genauso viel um Ihre Kinder gekümmert wie ich. Im Alltag wie auf Reisen. Und sofern das mit dem Berufsalltag zu vereinbaren war. Eltern sein ist so oder so kein Zuckerschlecken. Weder für die Partei die nur zuhause ist noch für die, die Teilzeit- oder Vollzeit arbeitet. Dann lasst uns doch wenigstens die Elternzeit weitestgehend entspannt geniessen. GlG/ Nadine

    1. Liebe Nadine, ja, den Eindruck der bewussten Provokation mit Seitenblick auf die Quote erweckt der Artikel tatsächlich. Ärgert mich auch etwas, dass mich das nicht losgelassen hat und der Text genau diese Wirkung auf mich hatte. Aber zum Glück bin ich ja Bloggerin und kann hier ganz öffentlich meine Meinung dazu loswerden. 🙂 Wie praktisch 😉 Herzliche Grüße, Christina

  4. Hallo Christina,
    ich finde du hast vollkommen recht und ich musste echt lachen, als ich deinen Artikel gelesen hab 😉 Du bist klasse!
    Liebe Grüße
    Julia

  5. Liebe Christina,

    gerade eben habe ich den Artikel dieser besagten Dame gelesen und finde ihn einfach nur daneben. Ersten finde ich es fast schon am Rande der Legalität im öffentlichen Netz pauschal mit rechtlichen Schritten gegen vermeintliche Gesetzesbrecher zu drohen, und zweitens ist dieser Artikel keineswegs für eine objektive Meinungsbildung der Leserschaft gedacht. Hier geht es nur darum zu polarisieren, und, das muss man zugeben, hat diese Dame erstaunlich gut gemacht.
    Allen Lesern allerdings, die ein bisschen Verstand besitzen (egal ob studiert oder nicht – das spielt für dieses Thema meiner Meinung nach überhaupt keine Rolle) kann man nur den Rat geben diesen Artikel weitgehend zu ignorieren. Menschen, die es für nötig erachten derart aggressiv gegen Andersdenkende und -handelnde vorzugehen, haben meiner Meinung nach keine Aufmerksamkeit verdient.

    Weiterhin möchte ich mich der Meinung von Christina anschließen. Wenn jemand solche Reisen plant und durchsetzt, dann sind das wirklich meistens die Mütter. Auch ich musste meinen Mann zu unserer Weltreise überreden, und ich muss sagen, es hat keinem von uns geschadet. Im Gegenteil, die Zeit unterwegs war für uns die schönste Zeit unseres Lebens. So eine enge Bindung zum Partner und den Kindern kann man nur auf Reisen aufbauen, weil man einen unschlagbaren Vorteil hat, und der heißt „Zeit“. Das, was im Alltagsleben leider immer zu wenig ist, kann man unterwegs in hohem Maße seiner Familie schenken: Zeit mit und für die Familie. Das Reisen bietet die einzigartige Chance zusammen zu wachsen, denn in solch einer Intensität wird man niemals mehr als Familie vereint sein.
    In diesem Sinne rate ich allen jungen Familien ihren eigenen Weg zu gehen, denn das ist es wert.

    Mein Lieblingszitat: „Lieber den Jahren mehr Leben geben, als dem Leben mehr Jahre“

    Christine
    (Reisebuchautorin)

    1. Liebe Christine, über den Aspekt mit den rechtlichen Schritten habe ich noch überhaupt nicht nachgedacht. Guter Hinweis von Dir. Herzliche Grüße, Christina

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