Rezension „Green Parenting“: Nachhaltiger Literaturtipp für Eltern

Rezension Green Parenting. Ich liege im Hinterzimmer beim Frauenarzt. Kein WLAN. Kein Datennetz. Kein Fenster. Ausgestattet mit CTG-Gurt und entsprechend unbeweglich. Genau der richtige Zeitpunkt, um auf die Töne des galoppierenden Herzchens zu hören. Und parallel im frisch vom Oekom-Verlag zugesandten Erziehungsratgeber „Green Parenting – Wie man Kinder großzieht, die Welt rettet und dabei nicht verrückt wird. Da wir nachhaltig orientiert leben möchten als Familie (und oft genug leider daran scheitern…), genau das richtige Werk, um sich vor der Geburt nochmal auf den Weg „einzunorden“, den wir gehen wollen.

Wie erwartet, starte ich die Lektüre mit einem schlechten Gewissen. Ich weiß genau: Ich habe viele „Nachhaltigkeits-Baustellen“, die ich nicht bewältigt bekomme. Und dann holt mich die Autorin Kate Blincoe auf den ersten Seiten in der Einleitung genau dort ab. „Dieses Buch ist für uns, für Menschen wie Sie und ich. Für all jene, die zwar geschafft von der Arbeit heimkommen, denen aber trotzdem etwas an unserer Umwelt liegt. Für Menschen, die früher grundsätzlich mit dem Rad unterwegs waren, seit der Geburt der Kinder aber einen Familienvan fahren.“

Ja. mein ökologischer Fußabdruck war in früheren Zeiten definitiv lobenswert. Seit wir als Familie in dieser Welt unterwegs sind, hat sich das leider geändert. Wir wohnen nun im eigenen Haus. Fahren gleich zwei Autos. Und besaßen wir früher wenige Dinge, so kämpfen wir nun definitiv gegen den Konsum. Ich bewundere da Menschen wie Rachel von „mamadenkt“, die mit klarem Blick ihrem Weg zu folgen scheint. Umso dankbarer bin ich nun für ein Buch, dass die Themen „Familie“ und „Nachhaltiges Leben miteinander verknüpft.

Rezension Green Parenting

Die einzelnen Kapitelthemen

Die Überschrift verspricht nicht zuviel. Die Ausrichtung auf Eltern ist innerhalb jedes Kapitels deutlich. Es geht immer um Kinder und die Unterstützung, sie an Umweltschutz heran zu führen. Das Buch startet mit dem Zentrum des Kindseins: „Spielen und Lernen“. Selbst hergestelltes Babyspielzeug und Knete. Kritisches Hinterfragen der Spielzeugmenge. Second Hand. Herstellung von Spielsachen. Materialien. Gute Bücher. Freiraum für eigene Erfahrungen. Spielen ohne Material. Mit tollen schnellen Anregungen startet das Buch. Das niederschwellige Umsetzen gefällt mir hier besonders.

Im Kapitel „Ihr grünes Nest“ dreht sich alles um unser nachhaltiges Zuhause. „Putzen, Waschen, Trocknen, Kochen, Heizen – all das wird den CO2-Fußabdruck Ihrer Familien schneller wachsen lassen als die Füße einer Zweijährigen“. Wahre Worte auf Seite 31. Auch hier werden in knappen Unterkapiteln Tipps zum schnellen Verändern von kleinen Stellschrauben gegeben. Genau das, was Eltern brauchen. Nichts Kompliziertes. Waschnüsse verwenden. Ökofreundliche Kleidung. Kompostieren. Energie sparen. Ich muss zugeben: Seit sicherlich 5 Jahren schleiche ich um Waschnüsse herum. Und kann mir einfach nicht vorstellen, dass diese auch verdreckte Kinderkleidung sauber bekommt. Kann mir mal jemand Mut zusprechen…?

„Kann ich das essen?“ beschäftigt sich mit allen Themen rund um unsere Ernährungsgewohnheiten. Angefangen vom Vergleich zwischen Stillen und Flaschen geben. Es folgt eine Betrachtung der Abstillmethode (Systematische Breigaben vs. Baby-led Weaning). Der kritische Blick auf spezielle Kindernahrung. Die Herkunft unseres Essens. Saisonales Essen. Und natürlich die Müllvermeidung. Habt Ihr „Taste the waste“ gesehen? Spätestens, wenn Ihr diesen Film kennt, liegt Euch Müllvermeidung bei Nahrungsmitteln am Herzen.

Der Teil „Jäger und Sammler“ hat besonders meine Aufmerksamkeit in Beschlag genommen. Mein Ziel ist es, jedes Jahr mindestens eine Wildpflanze neu kennen zu lernen und auch zumindest eine neu zu verarbeiten. Angefangen von Bärlauchbutter über Löwenzahnhonig bis hin zu Gänseblümchenpfannkuchen. Und zum Glück habe ich da ein kleines Mädchen an meiner Seite, dass dem ganzen sehr offen gegenüber eingestellt ist.

Ich erinnere mich gut an einen Moment nach dem Kinderturnen. Die Freunde spielten noch etwas auf der Wiese und wir Mütter quatschten. Eines der 4-jährigen Mädchen kam ganz aufgeregt den Berg hinuntergerast und berichtete uns besorgt von unserer Tochter. „Sie hat Gänseblümchen gegessen.“ Mein Mädchen weiß: Sie darf die Dinge essen, die sie ganz genau kennt. Dass sie sich daran hält, erkenne ich daran, dass in regelmäßigen Abständen Rückfragen ihrerseits kommen. Ich freue mich also sehr über die Rezepte, die im Buch durchs Jahr führen. Wildkräuterauflauf in der kalten Jahreszeit. Nesselmuffins im Frühjahr. Holundersirup zu Beginn des Sommers.

Hinter dem Kapitel „Körpersprache“ habe ich ehrlicherweise etwas anderes vermutet. Vielleicht die inzwischen in Mode gekommene Babykommunikation? Hier verbergen sich allerdings Themen wie Babytragen, Wickeln, Baden, körperliche Blessuren, Achten auf unseren elterlichen Körper. Hier wird die eindeutige Ausrichtung des Buches deutlich. Natürlich werden Babytragen dem Kinderwagen vorgezogen. Stoffwindeln den klassischen Wegwerfwindeln.

In „kleine grüne Daumen“ wird der eigene Garten oder Balkon durch Kinderaugen betrachtet. Mit allen Sinnen genießen ist hier angesagt. Schmecken. Riechen. Tasten. Das alles natürlich ohne giftige Pflanzen. Hier lässt sich Umweltbildung hautnah darstellen. Vögel im Winter füttern. Insekten einen Raum bieten. Tränken und Badeplätze vorbereiten. Es findet sich sogar eine Skizze für einen Familiennaturgarten, einen Familiennaturbalkon und eine entsprechende Terrasse.

Im Kapitel „Wie die Natur uns gut tut“ geht es wieder raus aus der heimischen Zone. Wo finde ich welche Tiere? Was kann ich am Wasser erleben? Rausgehen bei Kälte. Wenn ich ehrlich bin, hat mich dieses Kapitel am wenigsten angesprochen. Gefühlt etwas oberflächlich verlangt dieser Teil nach einem eigenen Werk und keiner Kurzabhandlung.

„Grüne Feste“. Kinderfeiern sind häufig eine Konsumschlacht. Die Kleinen sind das auch so gewohnt. Dementsprechend möchten wir sie nicht enttäuschen. Auch wenn wir sonst ökologische orientiert sind, sind wir doch oft verleitet, hier der Einfachheit halber mit dem Strom zu schwimmen. Mit kleinen Tricks können wir aber den Schwerpunkt etwas verlagern. Das Buch gibt Tipps, naturpädagogische Spiele einzubauen, wiederverwendbare Deko einzusetzen  oder auch sinnvolle Mitgebsel zu verwenden. Gute Anregungen. Von den gesunden und ökologischen Partysnacks bin ich allerdings im Rahmen einer Kinderparty nicht überzeugt.

Rezension Green Parenting

Der Aufbau der Kapitel

Vor allem der Aufbau der Kapitel wirkt anregend auf mich. So werden farblich abgesetzte Blöcke motivierend eingesetzt. Beispiel: in den orangefarbenen Kästen finden sich immer TOP-Listen. „5 Tipps für eine natürliche Schwangerschaft“. „10 Tricks wie Sie Ihr Kind nicht verwöhnen“. „Die 5 besten Sinnesfreuden im Garten.“ Da bekommt man direkt Lust, hineinzulesen. Die blau unterlegten Texte haben praktische Anregungen im Gepäck. „Weiche Knete für Vorschulkinder“. „Rezept für einen natürlichen Badezusatz“. „Rotkleelimonade“. Die grünen Kästen beinhalten immer Aufgaben, überschrieben jeweils mit „Grüne Herausforderung“. „Kommen Sie einen Monat ohne Plastikeinwegtüten aus“. „Suchen Sie in ihrem Garten oder in einem Park fünf verschiedene Insekten“. Und zwischendrin finden sich ganzseitige orangefarbene Seiten mit der Überschrift „Und was sagt die Oma?“ Wobei ich diese Seiten am wenigsten attraktiv fand.

Rezension Green Parenting

Lieblingsseiten

Meine Lieblingsseiten sind bisher die Rezepte mit gesammelten Zutaten, die Übersichten über den Aufbau eines Naturgartens und alles über das Spielen mit Kindern.

Rezension Green Parenting

Fazit

Ein Nachschlagewerk, dass man auch nach dem ersten Lesen nicht zur Seite legt. Viele kleine Anregungen machen Lust darauf und motivieren, Aspekte der nachhaltigen Erziehung in das Leben als Familie einzubauen. Eine deutliche Kaufempfehlung meinerseits.

Rezension Green Parenting

Fakten

Altersempfehlung: Erwachsene, vielleicht noch Teenies

Preis: 19,95€

Autor: Kate Blincoe

Seiten: 224 Seiten

Bestellung: Im Oekom Verlag

Bewertung: 10 von 10 Punkten (abgesehen vom Kapital „Wie die Natur uns gut tut“)

Kommentieren